WO DER WIND DIE NAMEN TRÄGT

"Ein Windhauch strich durch die Kiefern an der Friedhofsmauer, ließ die Kronen rauschen wie Stimmen aus einer anderen Zeit. Inge spürte die warme Luft auf ihren nackten Unterarmen. Und plötzlich kehrte die Erinnerung mit einer Wucht zurück, wie sie sie seit Jahren nicht gespürt hatte. Unter diesen Kiefern, auf diesem Heidesand, rückte alles wieder näher. Inge rechnete. Bald jährte sich Erikas Todestag zum siebenundsiebzigsten Mal."

 »Sie hatte beschlossen, nicht mehr an das Früher zu denken: die Orte, die Menschen in ihrer Heimat und schon gar nicht an das, was damals geschehen war in jenem Sommer 1946, als sie acht Jahre alt war und alles seinen Anfang nahm.«


2023. Die 85-jährige Inge Sundermann folgt widerwillig einer Einladung zum Klassentreffen in die Lüneburger Heide. Mit dem Ort ihrer Kindheit verbindet sich eine furchtbare Schuld, die sie einst im Kindesalter auf sich geladen und tief in sich vergraben hat. Doch die Vergangenheit holt Inge nun ein in Gestalt der Tagebuchaufzeichnungen von Helga von Borcke, einer Frau, die bereits 1946 begonnen hat, die Chronik dieser idyllischen Landschaft im Schatten von Bergen-Belsen niederzuschreiben.
1946. Die 8-jährige Inge findet auf dem Weg zum Geigenunterricht im Wald die Leiche einer jungen Frau. Ein tragischer Prozess um Lügen, Vertuschung und menschenverachtende Verbrechen nimmt seinen Lauf, der Inge viele Jahrzehnte später noch einmal mit voller Wucht heimsucht.

Die idyllische Lüneburger Heide wird zum Schauplatz für Kriegsverbrechen, deren Täter noch Jahrzehnte später unentdeckt in ihren Familien leben. Auf zwei Zeitebenen erzählt der neue Roman von Anja Jonuleit von den entsetzlichen Ereignissen in der Lüneburger Heide und deren Vertuschung, von alten Nazi-Seilschaften – und von zwei Frauen (1946 und 2023), die nicht bereit sind, die Vergangenheit ruhen zu lassen.

NDR Buch des Monats

"Wieder blickte sie zu den Männern, auf deren gesenkte Köpfe. Alte Kameraden, dachte sie plötzlich. Nur diese beiden Worte. Und fragte sich im nächsten Moment, was sie eigentlich erwartet hatte. Dass es Gerechtigkeit geben könnte?"


"Vor dem Fenster rauschte der Regen. Die schweren Tropfen hinterließen Löcher im Sand. Ein Apfelbaum stand hinter dem Zaun des Gemüsegartens, mager und schief, als hätte ihm der Krieg genauso zugesetzt wie den Menschen. Die wenigen Früchte, die er trug, waren klein und fleckig."

LÜNEBURGER HEIDE (SÜD)