ANJA JONULEIT 

"Die deutsche Autorin schafft mit ihren Worten ganz großes Gefühlskino." 

literaturmarkt.info 

Über das Lesen ...

Als Einzelkind hatte ich immer irgendein Buch in Arbeit. Auch waren wir ein „Haushalt mit Büchern“ und sowohl meine Eltern als auch meine Oma, die mit uns im Haus wohnte, waren begeisterte Leser. Zu jedem Geburtstag, zu jedem Weihnachtsfest bekam ich Geschichten geschenkt. Ich erinnere mich an erste Lektüren, an die „Wurzelkinder“, an „Nils Holgersson“, viel Astrid Lindgren, an Märchen, die ich rauf und runter las, vor allem die russischen. Später wurde ich Dauerkunde in unserer gemütlichen Bibliothek in Friedrichshafen, die damals noch in der Karlstraße lag. Ich erinnere mich, wie ich dort stundenlang sein konnte, um dann mit einer ganzen Tasche voller Schätze nach Hause zu fahren. 

Über das Vorlesen ...

Als kleines Kind wurde mir viel vorgelesen, jeden Abend von meiner Mutter. Später dann habe ich meinen Kindern vorgelesen, auch jeden Abend. An Weihnachten gab es die Tradition, dass die Oma am 25. ihre Selma Lagerlöf- und Ernst Wiechert-Bücher hervorholte und wir es uns mit Tee, Kaffee und Weihnachtsgebäck um sie herum gemütlich machten und zuhörten. 

Über das Austauschen, im doppelten Sinne ...

Meine Cousine und ich teilten und teilen die Begeisterung für spannende Geschichten. Jahrelang tauschten wir kartonweise (jawohl!) Bücher und Leseeindrücke. Dabei empfanden wir es als beruhigend, ja geradezu als zukunftssichernd, wenn sich auf dem Nachttisch die Bücher stapelten. 

Über das Übersetzen ...

Rückblickend erkenne ich, dass meine Jahre am Sprachen- und Dolmetscherinstitut (SDI) in München prägend waren für mein späteres Schreiben. Und wenn man es nicht gleich so hoch hängen mag, so kann man doch sagen, dass uns dort der bewusste Umgang mit Sprache eingeimpft wurde. Noch heute klingelt mir die Stimme unserer Dozentin für Allgemeinsprachliches Übersetzen aus dem Italienischen im Ohr, ob denn die Kollokation stimme. Sie war es auch, die eine italienische Kommilitonin und mich ermutigte, am Übersetzungswettbewerb zum 40jährigen Bestehen des SDI teilzunehmen und uns an einen Text von Umberto Eco zu wagen. Zu unserer Freude hat sich die Mühe gelohnt und wir durften unseren Preis vom bayerischen Kultusminister entgegennehmen. 


Über Familien ...

Darum wurde ich schon öfter gebeten: doch mal was Schönes zu schreiben. Nicht alle, die das sagen, meinen es ernst. Manchmal frage ich mich selbst, woher die dunkle Note in meinen Büchern kommt. Vielleicht ist es - ganz banal - der Wunsch nach einer spannenden Geschichte? Weil sich dunkle Geheimnisse nun einmal gut für einen Plot eignen? Aber dann könnte ich ja einfach Krimis schreiben. Ich denke, da gibt es noch etwas anderes, muss es geben. Denn wenn ich so auf meine Bücher zurückblicke, sind es vor allem Familien, die es mir angetan haben. Und da besonders Mütter und ihre Kinder und was bei einem drohenden oder tatsächlichen Verlust geschieht. Und schon lande ich bei der eigenen Biografie. Einerseits, weil Familie mir vertraut ist, ich selbst Mutter von vier Kindern bin. Andererseits, weil ich aus einer Flüchtlingsfamilie stamme und mit Geschichten um Verlust aufgewachsen bin. So brach meine Großmutter am 21. Januar 1945 bei minus zwanzig Grad mit drei kleinen Kindern mit Pferd und Wagen von einem kleinen Ort in Ostpreußen auf und hatte am Ende dieser Reise den Mann, ein Kind und ihre Heimat verloren.


Über Realität und Fiktion ...

Warum ich als Schriftstellerin nicht einfach meiner Fantasie freien Lauf lasse, sondern stattdessen reale Begebenheiten als Grundlage für meine Romane nehme? Ganz einfach: Das Leben schreibt die besten Geschichten. Und ehrlich gesagt, wer bin ich, dass ich mich mit der Realität messen will? Was könnte je so absurd, tragisch, entsetzlich, komisch, rührend sein wie das, was da draußen täglich passiert? Manchmal habe ich das Gefühl, das Leben ist wie dieser übermotivierte Schüler in der letzten Reihe, der immer eine Schippe drauflegt, nur um mich zu beeindrucken: Hardcore-Sekten hier, Rohkost- und Erziehungs-Evangelisten dort – alles serviert auf dem Silbertablett. Warum mir also den Kopf zerbrechen, wenn die Welt sich ohnehin ständig selbst übertrifft? Am Ende bin ich nur Chronistin des Wahnsinns. Ich greife die Highlights auf, sortiere sie und packe alles zwischen zwei Buchdeckel.

Über Extreme ...

Was sich mit den Jahren herausgestellt hat: Ich habe eine Vorliebe für die Themen Extremismus und radikale Weltanschauungen und das nicht etwa aus einer morbiden Faszination heraus, sondern aus der tiefen Überzeugung, dass die Abgründe der menschlichen Ideologien ebenso viel über unsere Natur verraten wie die Höhen. Es sind jene unbequemen Ecken unserer Geschichte und unseres Denkens, die mancher lieber übersähe – was sie natürlich umso interessanter macht. Die Radikalen, ob sie nun mit Bannern oder stillen Überzeugungen marschieren, sind doch oft nichts anderes als Zerrspiegel unserer kollektiven Sehnsüchte und Ängste.  Wie könnte ich es da versäumen, diesen Spiegel immer wieder zu polieren und zu fragen, was er uns zeigt?  Vielleicht, so hoffe ich, bietet die Beschäftigung mit dem Extremen den Leserinnen und Lesern auch eine sanfte Mahnung: zu erkennen, wo Radikalität beginnt, oft in den unscheinbarsten Winkeln des Denkens, und wie dünn der Schleier ist, der unsere "guten Absichten" von verhängnisvollen Pfaden trennt. 


Über Geheimnisse der Vergangenheit ...

Manche schreiben über die Zukunft, andere spiegeln ausschließlich die Gegenwart in ihren Romanen – ich hingegen bin der Spürhund der Vergangenheit. Ich wühle in alten Geschichten und suche nach Geheimnissen, die längst hätten verrotten sollen, aber erstaunlich lebendig sind.  Die Vergangenheit bietet wirklich alles: Tragik, Intrigen, und vor allem Menschen, die glauben, ihre dunklen Kapitel irgendwo unter den Deckel drücken zu können. Mich fasziniert der Moment, wenn jemand mutig oder ahnungslos genug ist, daran zu rütteln. Und plötzlich schießt der Deckel hoch, und heraus quillt ein Drama, das niemand bestellt hat, aber durchaus erzählenswert ist. Vielleicht schreibe ich deshalb so gern über diese verborgenen Wahrheiten, weil die Dynamik, die entsteht, wenn man eine gut versiegelte Vergangenheit ans Tageslicht zerrt, immer auch unser jetziges Leben beeinflusst. Kurz gesagt: Ich schreibe über Geheimnisse der Vergangenheit, weil das Leben manchmal wie ein schlecht verschlossener Dampfkochtopf ist – und ich einfach nicht widerstehen kann, daran zu rütteln. 

Über das Schreiben... 

Das Schreiben selbst war lange Zeit außerhalb meines Vorstellungsvermögens. Mit anderen Worten: Ich gehöre nicht zu den Frühberufenen, die schon als Kind komplette Manuskripte in der Schublade hatten. Tatsächlich entstand der Gedanke, es selbst einmal zu versuchen erst spät, mit Mitte dreißig, als ich einen Übersetzungsauftrag für den Aufbau Verlag erledigte, einen Krimi aus dem Italienischen. Ich weiß noch, dass ich irgendwann bei der Arbeit so einen Aha-Moment hatte und dachte: So funktioniert also ein Buch! Ich führe das auf den langwierigen Prozess des Übersetzens zurück, bei dem man sich – ich sage es jetzt mal so, wie es ist – korinthenkackermäßig mit der Sprache auseinandersetzt und jeden Stein umdreht. Beim literarischen Übersetzen geht es ja nicht nur darum, den Inhalt richtig und vollständig zu übertragen, sondern auch um die Atmosphäre, die Melodie des Textes. Und so startete ich ein „Experiment Buch“, das zwei Jahre dauern sollte und in meinen ersten Roman „Das Wasser so kalt“ mündete. Parallel dazu las ich viel über das Handwerk des Schreibens und nahm auch an Literaturwettbewerben teil und hatte das Glück, ein paar davon zu gewinnen: den Förderpreis des Kulturforums Isny, den Putlitzer Preis der 42er Autoren und den Förderpreis des Literaturvereins signatur e.V. – eine Ermutigung zum Weitermachen.